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Der Volkstrauertag – ein Ritual mit Resonanz?

von General a.D. Wolfgang Schneiderhan

GKS / Bund / Volkstrauertag

Wolfgang SchneiderhahnBild: Volksbund dt.Kriegsgräberfürsorge

Der November ist ein grauer Monat. Dazu passen die drei offiziellen Trauertage: Allerheiligen und Allerseelen, an denen die Gläubigen (vor allem die katholischen) für die Toten beten, der Volkstrauertag und der Totensonntag. Der Volkstrauertag ist ein staatlicher Gedenktag, es gibt ihn seit 1922. Damals wurde der Toten des Ersten Weltkrieges gedacht, die Flaggen auf halbmast gehisst. Die Nationalsozialisten beraubten ihn seines Charakters als Tag der Trauer und der Solidarität mit den Trauernden und kreierten ihn in ihrem Sinne zum „Heldengedenktag“. In den fünfziger Jahren wurde er in der Bundesrepublik Deutschland wieder eingeführt. Traditionell wurde am Volkstrauertag an die gefallenen Soldaten in den beiden Weltkriegen erinnert. Seit einigen Jahren gilt das Gedenken allen „Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft“ auf der ganzen Welt.

Totengedenken, Kranzniederlegung, getragene Musik, ernste Reden: Die Gedenkveranstaltungen folgen einem bestimmten Ritual. „Ritual“ klingt häufig nach: Wir haben es schon immer so gemacht. Wenn etwas „ritualisiert“ ist, klingt es nach Erstarrung.

Auch wenn man manchen Ritualen kritisch gegenübersteht, haben sie häufig doch einen Sinn: Sie geben Einzelnen einen Rahmen und schaffen damit eine Gemeinschaft, sie halten soziale Gruppen, manchmal sogar Gesellschaften zusammen. Der Einzelne fühlt sich einbezogen, wenn er mit anderen bestimmte Handlungen vollzieht und dabei vielleicht ähnliche Gefühle hegt.
Tatsächlich ist unser Leben von Ritualen eingerahmt. Viele Menschen pflegen sie, weil sie ihnen Sicherheit geben, kleine und größere Gruppen beschwören sie. Gottesdienste haben feste Abläufe ebenso wie Vereidigungen und Verabschiedungen von Ministerinnen und Ministern, die Sieger-pose bei Sportveranstaltungen – man denke an die XL-Champagnerflasche bei Autorennen oder auch die Rituale von Mannschaften vor dem Spiel, die Gesänge und die La Ola-Wellen des Publikums.

Rituale sind mentale Erinnerungsorte. Aber ein Ritual wirkt nicht aus sich selbst heraus, es bedarf der inhaltlichen Fundierung. Beim Volkstrauertag ist sie gegeben. Die Geschichte des Volkstrauertages spiegelt die deutsche und europäische Geschichte. Wenn nun fast 100 Jahre, nachdem er ins Leben gerufen wurde, „der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ gedacht wird, schließt das die zivilen Opfer kriegerischer Auseinandersetzungen ein. Gedacht wird nicht mehr ausschließlich der Soldaten, die in den Kriegen ihr Leben ließen, sondern auch der Bombenopfer, der auf der Flucht Verstorbenen, der zu Tode gekommenen Kriegsgefangenen und vor allem auch der Opfer des Ho-locaust, der ermordeten Juden, Sinti, Roma, Homosexuellen. Erst so wird das ganze Schreckensbild eines Krieges sichtbar, wird deutlich, dass ein Krieg nicht nur eine Angelegenheit des Militärs ist, sondern die gesamte Gesellschaft in den Abgrund zieht.

Die Menschen, derer während des Volkstrauertages gedacht wird, haben eines gemein: Sie sind gewaltsam gestorben. Trotzdem sind sie im Tod nicht alle gleich, so wenig wie sie es im Leben waren. Die in einem Konzentrationslager ermordete Jüdin und ihr Mörder, der bei einer Vergeltungsaktion starb, die verbrannten Bewohner eines Dorfes und der Brandstifter in deutscher Uniform: Sie waren nie gleich und sind es auch posthum nicht. Zum Erinnern gehört h Differenzieren, das Benennen von Schuld und Verantwortung. Dies macht nichts ungeschehen, aber es ist die notwendige Voraussetzung für Versöhnung und Verständigung, die wiederum die conditio sine qua non eines jeden dauerhaften Friedens sind. Sie ist eine Botschaft, die jährlich vom Volkstrauertag ausgeht.

Kann der Volkstrauertag junge Menschen ansprechen? Für fast alle Jugendlichen in diesem Land ist Frieden und Freiheit selbstverständlich. Krieg findet in Geschichtsbüchern und Medien statt. Für fast alle. Mit den Geflüchteten kamen 2015 junge Menschen nach Europa, die ähnliches erlebt hatten wie viele Menschen während des Zweiten Weltkrieges und der Jahre danach: Todesangst, Todesgefahr, Grausamkeit und Gewalt in jeglicher Form, Vertreibung und Flucht, Verlust von allem, was ihnen lieb und wichtig war. Im Rahmen des Volkstrauertages 2016 ließ der Volksbund junge Geflüchtete in der Gedenkstunde im Plenarsaal von ihren Erfahrungen berichten. Der Kriege und seine Folgen sind gegenwärtig.

„Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft“ – das sind die Opfer von Bürgerkriegen unserer Tage, Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr und Mitarbeitende von Hilfsorganisationen, die bei Auslandseinsätzen ihr Leben verloren haben. Diese Erweiterung des gedanklichen und gedenkenden Radius ist wichtig. Es handelt sich nicht nur um die Vergangenheit, es geht auch um die Gegenwart. Krieg und Gewalt, Tod und Vergewaltigung, Flucht und Vertreibung schauen uns nicht aus einem Geschichtsbuch heraus an, sondern aus den Medien, die wir täglich wahrnehmen. Der Krieg und seine Drohung sind in unserer Welt omnipräsent, auch in Europa. Damit die Notwendigkeit, sich für den Frieden zu engagieren, allgegenwärtig.

Dies muss auch im eigenen Land geschehen, indem man die eigene Gesellschaft friedfertig und friedensfähig hält. Denjenigen entgegenzutreten, die den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg für eine historische Lappalie halten, denen zu widersprechen, die Menschen anderer Herkunft, Religion oder sexuellen Orientierung ausgrenzen wollen, gegen die zu protestieren, die meinen, Demokratie und Grundrechte für alle seien ein Luxusgut, das wir uns nicht mehr leisten könnten, ist nicht immer einfach. Es fordert Zivilcourage von jeder und jedem Einzelnen. Demokratie ist anstrengend. Frieden braucht Mut. Der Volkstrauertag erinnert daran, was geschieht, wenn uns dieser Mut verlässt. Ohne Frieden ist alles nichts.

Das Ritual des Volkstrauertags führt Menschen zusammen, im Trauern, im Gedenken und im Nachdenken. Das wiederkehrende und rituell vollzogene Gedenken entwickelt Resonanz – hoffentlich in breiten Teilen der Gesellschaft. Wenn wir keine weiteren „Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ hinnehmen wollen, müssen wir uns engagieren. Der Volkstrauertag erinnert daran – und ist daher heute so aktuell wie vor hundert Jahren.

General a.D. Wolfgang Schneiderhan war von 2002 bis zu seinem Dienstzeitende 2009 Generalinspekteur der Bundeswehr. Seit vielen Jahren wirkt er im Präsidium des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., dem er seit 2017 als Präsident vorsteht.

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