Pressestimmen zum Katholikentag 2022:

Vier Jahre nach Münster fand in Stuttgart wieder ein Katholikentag statt, das erste große „echte“ Kirchentreffen nach der Corona-Pandemie. Eine erste Bilanz.

Ein Katholikentag im Zeichen der Zeitenwende -
Kanzler, Krisen und ein Krieg

Von Joachim Heinz (KNA)

Das Herz des Katholikentages in Stuttgart schlägt rund um den Schlossplatz. Vor alten Bauten und neuen Konsumtempeln stehen die weißen Pavillons der Kirchentagsmeile. Hilfswerke werben um Spenden, Pfarrsekretärinnen stellen ihren Beruf vor, Kirchenchöre singen. Bunt geht es zu auf der Königstraße, Stuttgarts zentraler Einkaufsmeile. Grell geschminkte Shopping-Queens treffen auf Christenmenschen mit korallenfarbenen Katholikentags-Schals. Vertraute Bilder - einerseits. Andererseits ist vieles anders bei diesem ersten großen Kirchentreffen nach der Corona-Pandemie. Die Gesamtzahl der Teilnehmer beziffern die Organisatoren auf rund 25.000. Das ist deutlich weniger als noch beim Katholikentag 2018 in Münster, als 80.000 Besucher gezählt wurden. Bei vielen der 1.500 Veranstaltungen bleiben Plätze frei. Das gilt auch für die Auftritte der Spitzenpolitiker, die normalerweise zu den Zugnummern bei Katholiken- oder evangelischen Kirchentagen zählen. Folgen der Pandemie - aber auch einer Entfremdung zwischen Kirche und Gesellschaft, die der Missbrauchsskandal beschleunigt hat. Das Thema war auch diesmal fast omnipräsent. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der sich gleich zwei Tage Zeit für seinen Besuch beim Katholikentag nimmt, treibt die Sorge vor einem Bedeutungsverlust der Kirchen um. „Unsere Gesellschaft braucht eine starke Kirche, die relevant ist.“ So ähnlich formulieren es auch der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), seine sozialdemokratische rheinland-pfälzische Amtskollegin Malu Dreyer oder SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert. Während SPD und Grüne in Stuttgart stark vertreten sind, die Linke zu einem politischen Nachtgebet lädt, machen sich Vertreter von CDU, CSU und FDP rar. Eine Zeitenwende? Vielleicht - wenn dieses Wort nicht seit dem 24. Februar für den Überfall Russlands auf die Ukraine reserviert wäre.

„leben teilen“ lautete das offizielle Motto dieses Katholikentags. Dazu gehört auch, Verzweiflung und Ängste zu teilen. Ein unbeschwertes und fröhliches Fest des Glaubens, das war im Vorfeld schon klar, konnte das Treffen in Stuttgart angesichts der aktuellen Entwicklungen in Kirche und Politik nicht sein. Stattdessen wurde Stuttgart ein Katholikentag zwischen Bangen und Hoffen, zwischen Hilfe und Hilflosigkeit.

 

Drucken